Role Models abseits von Heidi Klum & Co

„The most
dangerous phrase in the language is,
‚We’ve always done it this way.'“
~ Grace Hopper ~

Letzte Woche habe ich euch schon kurz von Ada Lovelace berichtet, eine der bedeutendsten Frauen in der Informatik. Nur wenige weibliche Vorbilder sind in der Informatik bekannt. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen lange der Zugang zu Schulen und Universitäten verwehrt wurde. Frauen durften keine Wissenschaft machen und schon gar nicht darüber schreiben. Wer weiß, welche schlauen, weiblichen Köpfe uns in der Zeit verloren gegangen sind. Dennoch gab es die ein oder andere Frau, die in der Informatik Großes geleistet hat. Aber leider sind auch deren Namen den meisten Menschen unbekannt. Oder habt ihr schon mal was von Grace Hopper, Rózsa Péter oder Thelma Estrin gehört? Nein? Dann wird es Zeit, dass ich sie euch vorstelle!

Ada Lovelace: Die Zauberin der Zahlen

Ada Lovelace

Nochmal zurück zu Ada Lovelace: Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace war die Tochter eines Dichters und einer mathematisch interessierten Mutter, die ihr eine naturwissenschaftliche Ausbildung ermöglichte. Mit 18 lernte sie den Mathematiker Charles Babbage kennen. Babbage entwickelte damals (wir befinden uns übrigens in der Mitte des 19. Jahrhunderts) eine mechanische Rechenmaschine, die Analytical Engine. Das besondere an dieser Rechenmaschine war, dass sie nicht nur eine einzige fixe Berechnung durchführen können sollte. Die Bauweise der Analytical Engine sollte es allgemein ermöglich, Probleme zu lösen. Einer solchen Maschine kann man beliebig komplexe Algorithmen beibringen und sie dann automatisch ablaufen lassen. Sie wäre programmierbar — der erste Computer!

„Forget this world
and all its troubles and if possible its multitudinous Charlatans — every thing in short but the
Enchantress of Number.“
~ Charles Babbage ~

Ada Lovelace übersetzte damals eine Veröffentlichung eines italienischen Mathematikers zu dieser Rechenmaschine. Aber dabei blieb es nicht. Sie fügte ihre eigenen Notizen und Anmerkungen hinzu. Darin beschreibt sie unter anderem den Unterschied zwischen einer einfachen Rechenmaschine und einer programmierbaren (also einem Computer) und den Unterschied zwischen Hardware und Software. Und sie beschreibt eine Anleitung zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen mittels dieser neu erdachten Rechenmaschine. Also nicht nur einen Algorithmus, sondern auch dessen Umsetzung am „Computer“. Das erste Computerprogramm der Welt. Leider konnte man die Maschine damals noch nicht bauen, unter anderem, weil man noch nicht so feinmechanische Teilchen herstellen konnte.

Man könnte Ada Lovelace sogar fast als die erste Bioinformatikerin bezeichnen: Sie dachte schon damals über ein mathematisches Model des Gehirns und Nervensystems nach.

„Die Frau, für die ich den Computer erfand“

Ada Lovelace hat bis heute eine Vorbildrolle in der Informatik. Verschiedene Preise und Konferenzen und nicht zuletzt eine Programmiersprache wurden nach ihr benannt. Diese Rolle hat sie nicht nur wegen ihrer großen mathematischen Begabung, sondern insbesondere weil sie es schaffte trotz aller Widrigkeiten der damaligen Zeit sich Zugang zu Wissen zu verschaffen und sogar unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Trotzdem bin ich ihr erst nach meinem Studium zum ersten mal über den Weg gelaufen: in einem Roman über Konrad Zuse. Das stimmt mich traurig. Jedes Schulkind sollte diesen Namen kennen.

Grace Hopper: Die Dolmetscherin des ComputersGrace Hopper

Grace Brewster Murray Hopper war nicht nur Informatikerin sondern gleichzeitig auch Flottillenadmiral der US Navy. Sie studierte und promovierte in Yale, arbeitete in Harvard — zwei der Elite-Hochschulen Amerikas. Grace Hopper war davon überzeugt, dass Computer vielfältiger eingesetzt werden können, als sie es zur damaligen Zeit wurden. Dafür müsste Programmieren aber anwenderfreundlicher werden. Maschinen verstehen nur Nullen und Einsen. Menschen können jedoch eher sprachliche Befehle erteilen. Also brauchen wir einen „Übersetzer“ von Programmbefehlen in Maschinensprache. Das dachte sich auch Grace Hopper und entwickelte 1952 den ersten Compiler (A-0). Grace Hopper war außerdem an der Entwicklung mehrerer der frühen Computer beteiligt: unter anderem dem Mark I der US-Marine und dem ersten kommerziellen Computer UNIVAC I.

Auch Grace Hopper hat Vorbildfunktion. Neben 40 Ehrendoktorwürden erhielt sie mehrere Auszeichnungen, die bis dato nur Männer erhalten hatten, zum Beispiel die National Medal of Technology der USA.

Rózsa Péter: Die Mutter der Komplexitätstheorie

Rozsa-PeterRózsa Péter war die erste Frau, die in Ungarn den Doktortitel in Mathematik erhielt — mit Auszeichnung. Für mich hat Rózsa Péter gleich doppelte Vorbildfunktion. Rózsa Péter beschäftigte sich mit rekursiven Funktionen und legte in mit ihren Forschungsergebnissen Grundlagen für die Komplexitätstheorie, einen der zentralen Bereiche der theoretischen Informatik. Theoretische Informatik hat mich schon im Studium mehr fasziniert als die Technik, die im Computer steckt. Wir teilen aber noch ein weiteres Interesse: die Verständlichkeit von Wissenschaft. Mit ihrem Buch „Das Spiel mit dem Unendlichen. Mathematik für Außenstehende“ versuchte sie, Zahlentheorie und Logik für jedermann verständlich zu machen. Gestern ist das Buch in meinem Briefkasten gelandet. Sobald ich Zeit zum Lesen gefunden habe, werde ich euch darüber berichten.

Thelma Estrin: Pionierin der Bioinformatik

Thelma Estrin war eine der ersten, die auf die Idee kam, die Stärke der Informatik in die biomedizinische Forschung zu holen. Sie begriff, wie mächtig die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen für den wissenschaftlichen Fortschritt sein kann. Sie arbeitete mehrere Jahr in der Hirnforschung, untersuchte die Aktivitäten des menschlichen Nervensystems und war — so wie einst Ada Lovelace — daran interessiert, das Gehirn mit Hilfe von Computern darzustellen.

Willkommen im 21. Jahrhundert — der Fortschritt lässt auf sich warten

Heute wird keiner Frau mehr der Zugang zur Universität verwehrt. Trotzdem sind nur 20-25 Prozent der Informatiker Frauen. Im letzten Jahrzehnt ist der Frauenanteil in der Informatik sogar gesunken. Woran liegt das? Zu wenige Role Models? Zu viele Vorurteile? Zu hohe Hemmschwellen? Vorbilder gibt es eigentlich genug. Neben den oben genannten aus der Vergangenheit, gibt es auch ganz aktuelle Beispiele: zum Beispiel Constanze Kurz (Sprecherin des Chaos Computer Clubs) oder Jade Raymond (Produzentin von Assassin’s Creed und Die Sims) — um nur zwei zu nennen.

Und die Hemmschwellen? Auch ich werde häufig gefragt, wie ich eigentlich zu meinem Bioinformatik-Studium gekommen bin. Ich hatte schon in der Schule einen Hang zu Mathe, Bio und Informatik. Eigentlich wollte ich Mathematik studieren, aber dann kam der Hochschulinformationstag und dort gab es zwei einschneidende Erlebnisse: 1. Einen Auszug aus einer Mathevorlesung — danach wusste ich, dass mir ein Mathestudium zu trocken ist und mir der Bezug zur Realität fehlt. Und 2. einen Stand des Fachschaftsrats Bioinformatik — was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe mich ungefähr eine halbe Stunde mit den damaligen Studenten unterhalten. In diesem kurzen Gespräch wurden all meine Hemmschwellen und Vorurteile aus dem Weg geräumt. Danach wusste ich: DAS ist meine Zukunft. Von da an war alles straight-forward: eingeschrieben, studiert, promoviert und nicht eine Sekunde bereut, mich für dieses Fach entschieden zu haben. Für mich war es der perfekte Match.

Wenn ihr euch auch für (Bio)Informatik interessiert — egal ob Junge oder Mädchen — aber noch den ein oder anderen Zweifel habt, ob das Studium etwas für euch ist: lasst mich eure Zweifel wissen! Ich räume sie gerne aus dem Weg.

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